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Die Juniorpartnerin – Ein Wirtschaftsthriller, den Frauen lieben werden

Leseprobe

I.

Ein Kirschblütenmeer erstreckte sich entlang des Seineufers, an dem jetzt an den Ostertagen tausende Touristen entlangschlenderten. Ben hob seine Kamera und drückte den Auslöser. Dann drehte er sich um und richtete die Kamera auf Ella. Klick, klick. „Merci, ma belle.“

Ben machte grauenvolle Fotos. Wahrscheinlich lag es daran, dass er sich mehr für die komplizierte Technik seiner Kamera interessierte als für Bildaufbau und Perspektive. Dennoch fotografierte er mit großer Leidenschaft. Am liebsten Ella. Auch jetzt ging er nochmals zurück, dirigierte Ella an das Geländer neben den Einstieg zu einem der überfüllten Seine-Dampfer und drückt erneut auf den Auslöser.

Mit seiner Körpergröße von Ein-Meter-Neunzig überragte er die meisten der anderen Menschen. Seine dichten Haare fielen ihm ungebändigt über die Stirn. Die hochgekrempelten Hemdärmel ließen seine muskulösen Unterarme sehen. Selbst nach drei gemeinsamen Jahren löste Bens physische Präsenz immer noch ein Kribbeln bei Ella aus.

Endlich schien Ben genug Fotos zu haben, denn er packte die Kamera in seinen Rucksack. Ella löste sich von ihrem Standort und ging zu ihm. Ben legte den Arm um ihre Schultern und zog sie in den Strom der Menschen. „Jetzt möchte ich gerne in das Café gehen, in dem Hemingway immer seine Kollegen traf und sich sinnlos besoff.“

Bens Arbeitszimmer war voll mit Büchern des großen Schriftstellers. „Was magst du eigentlich an Hemingway so besonders“, hatte sie ihn einmal ganz am Anfang ihrer Beziehung gefragt.

„Wahrscheinlich, dass er so sehr Mann war“,  hatte er auf Ellas Frage geantwortet. „Und weil er Mut hatte, sein Leben voll auszukosten. Mit allem was dazu gehört. Frauen, Alkohol, Reisen. Kunst. Arbeiten. Jagd. Kinder. Das wünsche ich mir auch.“ Bens Augen leuchteten.

Ella hatte atemlos gelauscht. Ben war so anders als die Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Anwälte, Investmentbanker.

Wenig später saßen sie auf einem kopfsteingepflasterten Platz an kleinen runden Tischchen. Ben hatte drinnen im Café ehrfürchtig die sepiafarbenen Fotos bestaunt und im Gedenken an den großen Meister Espresso und Cognac für sie beide bestellt.

„Was machen wir jetzt?“  

„Wie wäre es mit einer kleinen Pause im Hotel? Ich könnte mich gut eine Stunde aufs Bett legen.“ Ellas Füße brannten. Sie waren jetzt seit zwei Tagen in Paris und nach ihrem Gefühl ununterbrochen gelaufen.

„Aber ich möchte noch unbedingt in den Louvre. Wo wir doch schon mal hier sind.“

Ella nickte. „Nach einer Pause können wir gerne noch einmal losziehen.“

 

Ihr Hotelzimmer lag im vornehmen Viertel Marais mit seinen uralten Adelspalästen. Ella holte den altmodischen, schweren Schlüssel heraus und schloss die Tür auf.

Zwischen den gerafften Brokatgardinen fiel die Nachmittagssonne über den honiggelben Holzboden und das große Bett mit den vielen Kissen. Erschöpft zog Ella die Schuhe aus und ließ sich auf das Bett fallen. Ben verschwand im Badezimmer. Sie hörte Wasser rauschen, dann kam Ben nur mit Boxershorts bekleidet zurück und setzte sich auf ihre Seite. „Was hätte Hemingway wohl jetzt gemacht?“

„Seinen Rausch ausgeschlafen?“

Auf dem Rücken liegend, schaute sie ihn an. Sie liebte sein kräftiges Kinn, die schmalen braunen Augen, den dichten schwarzen Haarschopf, der schon einen ganz kleinen Anflug von grau zeigte. Ella mochte den seidigen, schwarzen Flaum auf seiner Brust, über die sie so gerne ihre Hand wandern ließ. Sie mochte seine vom Fahrradfahren trainierten Oberschenkel, dass sie sich manchmal fast schämte, wie sehr sie Lust empfand, wenn sie nur seinen Körper betrachtete.

Ben legte sich der Länge nach neben Ella und stützte den Kopf in die Hand. Die Sonne ließ die feinen Härchen auf seinem Unterarm golden aufleuchten. Die andere Hand schob er unter Ellas T-Shirt. „Ich hätte da noch eine andere Idee.“

Ella schloss die Augen und genoss die warme, streichelnde Hand auf ihrem Bauch. „Mmm.“ Im Bett waren sie von Anfang an großartig zusammen gewesen. Noch nie hatte jemand sie so geküsst wie Ben. Wenn Ben sie küsste, dann streichelte er zuerst mit geschlossenen Lippen über ihren Mund, so dass es bis in die Tiefen ihres Körpers kribbelte. Erst dann öffnete er seine Lippen und streichelte mit der Zunge weiter. 

Ben rutschte ein wenig näher und drückte sein Gesicht in ihre Halsgrube. Sie nahm seinen Geruch war. Ein Geruch nach Brombeeren, vermischt mit seinem Eau de Cologne, rauchig, männlich, ganz entfernt süß. Bens Hand löste ihren Gürtel. Plötzlich hatte sie es sehr eilig, aus ihrer Jeans heraus zu kommen. Mit ihrer freien Hand zog sie den Bund seiner Shorts hinunter. Mit angezogenen Knien half Ella ihm, in sie einzudringen. Einen kleinen Moment verharrte Ben atemlos, dann stützte er sich auf beide Arme und schob seinen Körper sanft vor und zurück. Ella genoss seinen Druck und bewegte sich in seinem Rhythmus. Ben legte seine Wange an ihre, sie spürte ganz schwach die angenehme Rauigkeit seiner Haut.

„Bitte. Lass uns ein Kind haben. Lass uns eine kleine Ella machen.“ Ben murmelte in ihr Ohr.

Ellas Hand krampfte um das metallene Bettgestell. Da war sie, die Frage, die sie so lange vermieden hatte. Plötzlich spürte sie den kühlen Lufthauch der Klimaanlage. Sie schloss die Augen. Ben sollte nicht den Gedankenwirbel sehen, der sie aus ihrer warmen Entspannung gerissen hatte.

Ben stieß fester zu. „Sag ja. Ella. Sag ja.“ Er kam mit einem langgezogenen Stöhnen und ließ sich schwer auf sie fallen. Sein heißer Atem ging stoßweise über ihre nackte Schulter. Einen Moment lagen sie beide ganz still da. Dann rollte er von ihr herunter und blieb an sie geschmiegt liegen, den Kopf auf seinen Arm gelegt.

Sie drehte ihm ihr Gesicht zu und schaute in seine Augen, die sie ein wenig glasig ansahen. „Wir werden sehen.“

„Das sagst du seit drei Jahren. Wie lange wollen wir noch warten? Du bist 35 Jahre alt. Wenn wir drei Kinder haben wollen, dann ist es höchste Zeit.“ Ben stützte sich auf.

„Mutter kann man heute noch mit 40 werden. Frauen sind heute gesünder und jünger als je zuvor.“ Ella zog die Decke unter sich hervor und legte sie über sich.

Sie wich aus, das wusste sie. Sie wollte jetzt nicht über Kinder nachdenken, auch wenn ihr trotz ihrer optimistischen Behauptung eine kleine Stimme sagte, dass das Thema drängte. Aber nach jahrelanger, harter Arbeit war der Erfolg zum Greifen nah. Ihr Studium, all die Praktika, ihr erster Job als schlecht bezahlte Angestellte bei einer Versicherung, die Jahre als Analystin bei einer Bank und schließlich die fünfzig-Stunden-Wochen bei Viner&Parks sollten sich endlich auszahlen. Vor allem aber wollte sie ihren Eltern zeigen, dass sich all die Ermahnungen zu lernen und etwas aus ihrem Leben zu machen, gelohnt hatten.

„Ella, ich verstehe, Geld ist wichtig für dich. Aber in zwei Jahren ist meine Ausbildung zum Facharzt abgeschlossen. Als Anaesthesist verdiene ich zwar keine Reichtümer, aber wir werden gut leben können. Dann kannst du dich in Ruhe unseren Kindern widmen.“

Ihr Blick glitt durchs Zimmer und fing sich an einem Gemälde über der antiken Kommode. Es war eine Gartenszene, mit einer Frau, die unbestimmt in die Ferne schaute. In ihrem Schoß lag ihr Strickzeug, vergessen.

Ihr Kopf begann heftig zu schmerzen. Ben verstand sie nicht. Wie konnte sie ihm bloß klar machen, was für sie auf dem Spiel stand? Sie streckte einen Finger aus und streichelte sein weiches Brusthaar. „Geld ist es nicht allein. Bitte verstehe das. Es ist unglaublich aufregend, einem kleinen Unternehmen dabei zu helfen, in die Riege der Großen aufzusteigen. Ich habe so viel Arbeit hinein gesteckt. Ich kann jetzt nicht einfach alles stehen und liegen lassen.“

Ben schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob du nicht die falschen Ziele im Leben verfolgst. Was nützt dir das  ganze Geld, wenn du am Ende niemanden hast, für den du es ausgeben kannst?“ Ben kletterte aus dem Bett und ging hinüber zu dem Beistelltisch aus Kirschholz, auf dem eine Flasche in einem silbernen Sektkühler darauf wartete, geleert zu werden. Er füllte zwei Gläser,  trug sie zum Bett hinüber und setzte sich neben sie auf den Bettrand. Sie nahm ihm ein Glas aus der Hand und nippte daran.

„Ich werde eine der ganz wenigen Frauen in dieser Branche sein. Meine Eltern werden so stolz sein. Louis hat ebenfalls große Hoffnungen in mich gesetzt. Ich will niemanden enttäuschen.“

„Es geht doch nicht darum, die Erwartungen deiner Eltern und eines superreichen Unternehmensinhabers zu erfüllen. Es geht doch um unser Leben, um das, was du und ich wollen.“

„Ja, aber ich will das so. Ich bin glücklich, wenn ich morgens ins Büro und komme und noch nicht weiß, welche Überraschungen der Tag für mich bringt. Ich bin so stolz, wenn ich eine großartige Idee sehe und helfen kann, sie zu verwirklichen.“

Ben streichelte ihr Bein, was über der Bettdecke lag. Sie schaute auf seine Hände mit den kurzen Fingernägeln, die so zart sein konnten.

„Lass uns spontan sein. Irgendwie werden wir es schon schaffen.“

„Ben, du liebst deinen Beruf doch auch. Was wäre, wenn du auf einmal deine Träume begraben müsstest?“

Ben betrachtete sie mit ernstem Gesicht und zusammengezogenen, dunklen Augenbrauen. „Irgendwie habe ich immer gedacht, jede Frau will Kinder. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass ich einmal darum kämpfen müsste, Vater zu werden. Eher das Gegenteil. Die Krankenschwestern sind alle völlig wild darauf, sich von einem der Ärzte schwängern zu lassen. So wie sie das geschafft haben, sehen wir sie nie wieder.“ 

Ella nahm ihm das Glas aus der Hand und nippte daran. „Ich hoffe, du teilst mir jetzt nicht gerade mit, dass du mich gegen eine Krankenschwester austauschen willst.“

„Entschuldige. Das wollte ich nicht sagen. Ich habe mir immer vorgestellt, dass wir beide Kinder haben. Meine Fantasie hat nicht ausgereicht, mir eine Frau vorzustellen, die in einem Chefsessel sitzt und diesen nicht verlassen will.“

„Das ist das Problem von euch Männern.“ Sie rutschte hoch ans Kopfende, zog die Decke bis unters Kinn und stellte ihre Füße auf. Sie dachte an ihre Eltern. Ihr Vater war ein kleiner, städtischer Beamter gewesen, ihre Mutter eine Laborantin, die ihren Job bei Ellas Geburt aufgeben hatte. Danach hatte sie ihr Leben lang darüber geklagt, kein eigenes Geld zu verdienen. Entsprechend bescheiden war die Rente der beiden. Ein klappriges Auto, Sonderangebote, ein paar Tage Urlaub im Jahr an der Nordsee, mehr war nicht drin. Hin und wieder steckte sie ihren Eltern Geld zu, welches meist heimlich wieder in ihre Handtasche zurückgelegt wurde, oder nur sehr widerwillig angenommen wurde, wie neulich, als die Heizung repariert werden musste. Wenn sie ihre Mutter beim Treppensteigen beobachtete, dann war klar, dass bald der Einbau eines Treppenlifts nötig sein würde. Sie konnte das finanzieren. Ben als Assistenzarzt im städtischen Krankenhaus noch lange nicht. Sie war es, die den Löwenanteil für die Wohnung im noblen Hamburger Stadtviertel Othmarschen bezahlte, dieses Hotelzimmer, ihre Reisen. Die Essen in schönen Restaurants.

„Ich dachte immer, du fändest es gut, eine erfolgreiche Frau zu haben.“

„Ja, finde ich. Ich bin stolz auf dich. Und wir haben ein tolles Leben. Aber wo bleibe ich mit meinen Vorstellungen?“

„Ich habe dir neulich den Weinkühlschrank gekauft, den du unbedingt haben wolltest.“

„Ella.“

Sie hatten sich in einem Laden für Outdoor-Sport kennengelernt. Deckenhohe Regale waren mit Schuhen für jegliche Sportarten gefüllt. Vor einem dieser Regale hatte Ella auf einer Bank gesessen und Wanderstiefel anprobiert. Von seinem Platz neben ihr konnte Ben die Fragen hören, die ein eifriger Verkäufer ihr stellte. Wo Ella denn wandern wolle? Es sei ein großer Unterschied, ob Hochgebirge, Waldweg oder gute Wanderwege im Gebirge. Der Verkäufer ließ Ella in verschiedenen Schuhen eine Schräge hinauf und hinunter laufen, damit sie prüfen konnte, ob die Schuhe am Schienbein drückten oder ob sie mit den Zehen anstieß. Ob es dort, wo Ella wandern wollte, viel regnete? Interessiert lauschend, bekam Ben mit, dass Ella in einem amerikanischen Nationalpark wandern wollte. Allein.

Ella hatte drei Monate Zeit. Ihr Job als Analystin bei einer Bank war beendet, bei Viner&Parks hatte sie noch nicht angefangen. Ein kleiner Flirt mit einem Ex-Kollegen war vorbei und Ella war wild entschlossen, einen Traum wahr zu machen, auch wenn sie dafür alleine losziehen musste. Schließlich machte sie das nicht zum ersten Mal. 250 Meilen auf dem Appalachian Trail vor ein paar Jahren hatten sie stark und unerschrocken werden lassen.

Ben mischte sich in den Dialog mit dem Verkäufer ein und zeigte Ella, wie man die Schuhe richtig schnürte, damit der Fuß nicht rutschte und wund wurde. Seine Aufmerksamkeit gefiel ihr, genau wie seine dichten, dunklen Haare. Als er sie einlud, ihm doch nach dem Schuhkauf einmal genauer von ihren Plänen zu erzählen, sagte sie ohne zu Zögern ja. Vier Wochen später wanderten sie zusammen im Yellowstone Park. Noch heute dachte Ella, dass es der schönste Urlaub ihres Lebens gewesen war. Ihre Beziehung war frisch, sie waren verliebt. Sie sprachen über Zukunftspläne. Ella redete über Viner&Parks, Ben von seiner Facharztausbildung. Keiner von beiden sprach von Zusammenwohnen, Heiraten oder gar Kindern. Erst sechs Monate, nachdem Ella bei Viner&Parks angefangen hatte und sie sich wegen ihrer vielen Arbeitsstunden und Bens Nachtschichten kaum noch sahen, schlug Ben vor, sich eine gemeinsame Wohnung zu suchen. 

„Ich kann mir auch ein Kind vorstellen. Nur eben jetzt nicht. Ich kann jetzt nicht alles hinschmeißen. Bitte.“ Mit einem Schluck trank sie ihr Glas leer.  Ben nahm es ihr aus der Hand und stellt es auf dem Nachttisch ab.

„Wenn wir nach Hause kommen, habe ich eine Überraschung für dich. Vielleicht kann ich dich damit umstimmen.“

Ein heftiger Schmerz wallte in ihr auf. Sie liebte Ben.  Alles was sie sich wünschte, war ein wenig Aufschub, um zu Ende zu bringen, was sie begonnen hatte. Seufzend streckte sie sich lang auf den Rücken aus. Sie wollte nicht weiter über dieses Thema sprechen.

Fast hätte sie laut aufgeschrien, als der kalte Sekt in die kleine Grube zwischen ihren Brüsten floss. Aber dann begann Ben die prickelnde Flüssigkeit mit kleinen Küssen aufzusaugen. Ella schloss die Augen. 

Später im Museum blieb sie vor den Madonnenbildern stehen, die Frauenfigur immer mit einem gutgenährten, nackten, engelsgleichen Knaben auf dem Arm, das Gesicht meist ernst oder sorgenvoll, das Kind betrachtend.

Während Ben in den Waschräumen verschwand, setzte sie sich in der enormen Eingangshalle auf eine schwarz gepolsterte Lederbank und schaute hinauf zu der jahrhundertealten Messinguhr.