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 Bücher

Regelverstöße

Regelverstöße – Ein romantischer Wirtschaftsthriller ohne Blut

Leseprobe

1

„Darf eine Frau im Beruf noch sexy sein? Ich meine: ganz unbedingt.“ Zur Bekräftigung seiner Aussage schlug der weißhaarige Sprecher mit einer Hand fest auf das Rednerpult. Im Publikum erhob sich nervöses Gemurmel. Carina Mandt beugte sich zu ihrer Nachbarin Annette Kleinert hinüber, einer früheren Kollegin. „Meint der jetzt, wir sollen jedes Mal den obersten Knopf aufmachen, bevor wir zum Chef gehen?“ Annette lachte. „Vielleicht meint er auch, ich sollte mein Handtäschchen lässig beim Gehen schwingen.“ „Wohl eher deinen Hintern“, konterte  Carina. Carina schaute sich um. Die Behauptung des Redners sorgte an allen Tischen für Diskussionsstoff. Das Stimmengewirr der Konferenzteilnehmer sprengte fast den Saal des schicken Hotels, in dem der Hersteller von Luxusautos seine Tagung „Frauen machen Karriere“ ausgerichtet hatte.

Carina war als externe Beraterin auf Einladung von Carl, ihrem ehemaligen Vorgesetzten hinzugekommen. „Da sind sicher ein paar neue Klienten für dich dabei“, hatte er gemeint.Mit Wehmut hatte sie am Morgen ihre weiße Bluse aus dem Schrank geholt, einen Blazer übergezogen und sich auf den Weg gemacht. Früher war sie selbst eine Karrierefrau gewesen, hatte es sogar bis zur Personalleiterin geschafft. Bis Carl sie eines Morgens in sein Büro gebeten hatte.

 

Die Türe stand offen. Carina klopfte nur kurz an den Rahmen, bevor sie hinein ging. Sie und Carl kannten sich schon so lange. Wenn die Türe offen stand, dann hieß das immer „ich bin ansprechbar.“ Carl telefonierte, hob zwei Finger, was wohl „noch zwei Minuten“ heißen sollte, und wies auf den runden  Besprechungstisch. Sie setzte sich in einen der grau gepolsterten Schwingstühle, goss sich aus der immer gefüllten Kanne einen Kaffee ein und betrachtete das Bild an der Wand gegenüber. Sie hatte nie verstanden, was Carl eigentlich daran fand. Carl schien in der letzten Phase seines Telefonats zu sein. „Alles klar, das machen wir so“, hörte sie und sah ihn heftig nicken, bevor er auflegte und zum Fenster hinüberging. Sein dunkelblauer Anzug war wie immer makellos, sein Hemd frisch gestärkt. Trotzdem die Sonne direkt in sein Büro schien und es sehr warm war, sah er frisch und kühl aus. Es fiel ihr auf, dass er nervös an seiner Krawatte auf- und abstrich, etwas, was er sonst nie tat. Carl räusperte sich. „Du hast doch sicher registriert, dass die Zentrale immer mehr Aufgaben an sich zieht?“ Carina nickte. Jetzt würde er sicher gleich sagen, sie sollte einen Teil ihrer Aufgaben abgeben. Ihr war es recht. Sie hatte ohnehin zu viel zu tun. Ein bisschen weniger Arbeit würde ihr mehr Zeit geben für den Sport, den sie zu sehr vernachlässigte. Viel zu wenig Bewegung und zu viele Kekse aus dem Kiosk im Erdgeschoss hatten dafür gesorgt, dass sich in letzter Zeit ein kleines Bäuchlein gebildet hatte. Unwillkürlich legte sie die Hand auf die weiche Stelle unterhalb des Bauchnabels. „Ich will nicht lange ‚drumherum reden. Dafür kennen wir uns zu gut.“ Hinter Carinas Brustbein bildete sich eine kleine harte Kugel, die in ihre Kehle drückte. Sie wartete. Hier war etwas Unheimliches im Raum. Carl sah sie nicht an. „Sie haben deine Stelle hier in Hamburg gestrichen. Deine Aufgaben gehen alle nach Süddeutschland in die Zentrale.“ Jetzt erst setzte Carl sich hin und suchte ihren Blick. Ob er damit sagen wollte, dass sie umziehen musste? Sie liebte Hamburg, konnte sich keinen anderen Ort zum Leben vorstellen. Carl drehte seinen Kugelschreiber wie einen Kreisel. Der Stift machte ein paar Umdrehungen und kam dann zur Ruhe, die Spitze auf sie gerichtet. Ihr angehaltener Atem entwich. Sie war schon mit vielen Herausforderungen fertig geworden, dachte sie trotzig. Vielleicht konnte sie ein kleines Appartement mieten und die Wochenenden und Urlaube zu Hause verbringen. „Ich werde mir eine kleine Wohnung nehmen und pendeln“, hörte sie sich sagen. Carl strich seine grauen Haare zurück und schaute an ihr vorbei, auf das moderne Ölgemälde, das sie eben noch betrachtet hatte. Das Bild stellte eindeutig ein schwarzes männliches Glied dar. „Black Bee“ stand auf dem kleinen Metallschild am Rahmen. Das konnte man wohl kaum missverstehen. „Sag mal, was ich dich schon immer fragen wollte: Was gefällt dir an dem Bild eigentlich so gut?“ Carl schaute irritiert. Offenbar hatte sie ihn in seinem Gedankenfluss gestört. „Es steht für Macht und Durchsetzung“, sagte er kurz. Verblüfft schwieg sie. Die harte Kugel in ihrer Brust wurde noch größer. Das Gespräch war noch nicht zu Ende. Irgendetwas war da noch im Raum. Carl griff nach seinem Kugelschreiber. „Im Zuge der Umstrukturierung werden deine Aufgaben von einem Kollegen übernommen. Wir haben für dich eine großzügige Ausstiegslösung gefunden. Mit der Abfindung kannst du bequem das ganze nächste Jahr leben. Ohne zu arbeiten.“ Carina schaute ihn sprachlos an. Das er ihr das einfach so ins Gesicht sagen konnte. Sie hatte ihr Leben diesem Job geopfert. Wie viele Tage und Abende hatte sie in dieser Firma zugebracht und nicht wie andere beim Einkaufen, im Kino oder am Familientisch. Und jetzt wurde sie vor die Tür gesetzt, einfach so? Alles war schon besprochen und beschlossen, ohne dass irgendjemand es für nötig befunden hatte, sie einzubeziehen? „Du wirst keine Probleme haben, einen neuen Job zu finden. Wir werden dir ein hervorragendes Zeugnis geben, und wenn ich etwas für dich tun kann …. Seine Stimme verlor sich angesichts ihrer Versteinerung. Carl legte kurz seine Hand auf ihre: „Es tut mir sehr leid, dich zu verlieren.“ Sie verstand. Es war vorbei. Als sie das Büro verließ und sich noch einmal umdrehte, war er schon wieder am Telefon. Wie durch dicken Nebel gehend, verließ sie den gläsernen Turm, in dem sie zehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Im nächsten Café bestellte sie einen Cognac und legte wie immer ihr BlackBerry auf den Tisch. Sie musste schließlich erreichbar sein.

 

Jetzt saß Carl ein paar Tische weiter. Er hatte sie herzlich begrüßt und gesagt, dass er ihre Zusammenarbeit vermisse. Es hatte ihr trotzdem nicht geholfen, ihren Job zu behalten, dachte sie mit einem Anflug von Bitterkeit. Jetzt hatte sie die Antwort, warum das so war. Sie war nicht sexy genug aufgetreten. Innerlich schüttelte sie den Kopf. Dabei bekam man als Frau in jedem anderen Seminar eingehämmert, sich nur ja anzuziehen wie ein Mann. Offenbar waren die Frauen im Saal alle im gleichen Seminar gewesen wie sie selbst. Dunkle Hosenanzüge überall. Die einzige Konzession an die Weiblichkeit war hin und wieder ein hoher Absatz, der unter einem Hosenbein hervorlugte. Vielleicht auch mal ein bunter Schal. Und jetzt das. „Seien Sie sexy. Unbedingt.“ Was der Sprecher bloß damit gemeint hatte? Sie hob die Hand. „Können Sie uns bitte einmal erklären, wie Sie sich das genau vorstellen? Sexy sein?“ Gekicher erhob sich im Raum. Der Redner schien zu merken, dass Carina nicht seiner Meinung war und ruderte ein wenig zurück. „Na ja, was ich sagen wollte ist: Wenn man eine Verpackung für eine Pralinenschachtel entwirft, dann ist die nicht mausgrau, oder braun. Das sehe ich aber, wenn ich mich hier umschaue.“ Carina schaute auf ihren teuren braunen Anzug herab. Sie war sicher gewesen, damit auch nachher beim Abendessen und später in der Hotelbar einen guten Eindruck zu machen. Und jetzt kam dieser alte Esel und wollte ihr weismachen, dass es weit wichtiger war, sexy auszusehen als kompetent? Als hätte er ihre Gedanken gehört, schloss er seinen Vortrag. „Wenn Sie Karriere machen wollen, müssen Sie für sich selbst trommeln. Und da sollten Sie mit einer schönen Verpackung anfangen. Ein kleiner Schuss Sex-Appeal kann dabei nie schaden.“ Verpackung mit Sex-Appeal? Wer hatte diesen Idioten eingeladen? Als sie Ende zwanzig gewesen war, da hatte sie noch gerne kurze Röcke getragen und es genossen, wenn Männer ihre Beine anstarrten. Aber gebracht hatte es ihr außer zweideutigen Bemerkungen und Einladungen zum Essen nichts. Als kompetente Partnerin wurde sie erst wahrgenommen, nachdem sie ihre kurzen Röcke und tiefen Ausschnitte aus dem Büro verbannt hatte. Es gab zwar weniger Flirts und Einladungen, dafür aber endlich die Beförderung. Als sie dann selbst eine Chefin wurde, da war sie bei den Azubis verhasst und galt als prüde Zicke. Regelmäßig schickte sie die Mädchen nach Hause zum Umziehen, wenn diese mit bauchfreien Tops und tief sitzenden Hosen zur Arbeit erschienen. „Ihr Slip guckt hinten raus“ rügte sie. Sie würde sich nicht von einem geilen Greis zum Sexobjekt zurück befördern lassen. Verärgert griff sie nach ihrer Handtasche, bevor sie den anderen ins Restaurant zum Abendessen folgte.

 

2

Die Hotelbar war schon ziemlich voll, als Annette und Carina nach dem Dessert in den schummrigen Raum mit dem dunklen Holz und den tiefen roten Sesseln wechselten. Gianna Calvi aus der Auslandsabteilung thronte auf einem Barhocker, die langen Beine elegant übereinandergeschlagen. In der Hand hielt sie ein Sektglas. Angesichts ihres Outfits riss Carina die Augen auf. Enge Jeans, hohe schwarze Stiefel und ein silbernes Paillettentop, das nur von zwei dünnen Trägern gehalten wurde. Es gab tiefe Einblicke auf zwei volle, runde Brüste frei oder, wenn man sich Gianna von hinten näherte, auf einen langen, nackten Rücken. Mehrere Männer drängten sich um sie herum. „Oh, was weißt du über sexy“, hörte Carina sie sagen. „Soll ich dir mal alles sagen über sexy?“  Dabei öffnete sie die Knie, neigte sich zu ihrem Gesprächspartner und zog ihn spielerisch an der Krawatte zu sich hinunter. Der letzte Vortrag war bei Frau Calvi offenbar auf fruchtbaren Boden gefallen. Carina entging nicht, dass die anderen Männer näher rückten, vielleicht in der Hoffnung, dass Gianna Calvi auch an ihnen ziehen würde? Sie beobachtete, wie einer der Männer sein Bier austrank, sich die Lippen leckte und dabei Gianna unverwandt anstarrte. Carina fühlte sich unscheinbar und überflüssig. Sie wusste, dass es völlig albern war, trotzdem war es so. Vielleicht hatte der Redner von heute Nachmittag doch Recht. Immerhin schob sich sogar Gregor Haas, der Vertriebsvorstand, in den Kreis der Männer, die dieses weibliche Wunder anstarrten. Niemand sprach Carina an. Mühsam versuchte sie die Lippenwinkel hochzuziehen und dort zu halten. Annette gesellte sich zu ihr.